Roger und Wiebke vor dem Start

Roger und Wiebke vor dem Start

Der Tag begann zur Unzeit um 5:15, glücklicherweise hatte ich ziemlich gut geschlafen obwohl ich zweimal etwa für eine Viertelstunde aufgewacht war.

Meine Frühstückspläne hatte ich am Vortag noch über den Haufen geworfen und mich statt für Toast mit Honig für Porridge entschieden. Allerdings musste ich feststellen, dass dieser nach einer Nacht im Kühlschrank nicht wirklich besser schmeckt. Der Vorteil davon war wenigstens dass ich keinen Anreiz hatte mir meinen Gierschlund zu voll zu stopfen.

Nachdem ich geduscht hatte und sämtliche 3000 potentiell für Blasen und Rötungen anfälligen Stellen zugepflastert, mit Vaseline eingerieben oder mit Fettstift abgedeckt hatte zog ich mich an. Schlussendlich hatte ich mich für die am Vortag als Verlegenheitskauf erstandene Dreiviertelhose, ein dünnes Langarmshirt und ein Gillet als Kälteschutz für den Anfang des Laufes entschieden. Bei den Schuhen setzte ich auf  Komfort und wählte meine wie sich herausstellen sollte wohl noch zu neuen Kayano 19.

Zeitig am Kleiderdepot angekommen kroch mir die Kälte in die Glieder, Dani hatte es schlauer gemacht und sich noch in der nächsten Kneipe warm gehalten.
Meine Trainingskollegin Wiebke war ein wenig später auch eingetroffen und wir bewegten uns nach dem Abgeben der Kleidersäcke Richtung Schafott, allgemeinhin auch Start genannt.

Zürichmarathon2

Start Züriichmarathon

Etwa 20 min vor dem Start trabten wir dann noch ein wenig hin und her um nicht gleich an Ort und Stelle festzufrieren und waren froh wenn der Start bald erfolgen würde. Dani traf ich dann auch noch an, das halbwegs überschaubare Feld hatte auch seine Vorteile.

Um 8:30 erfolgte dann endlich der Startschuss und ich versuchte halbwegs gleich auf mit Wiebke zu bleiben. Dani hatte anscheinend schon nach wenigen Minuten beschlossen etwas für die Bewässerung der Hecken zu tun und sich in die Büsche verdrückt.
Nach dem ersten Kilometer hatte ich zunächst angenommen das Wiebke ein bisschen zu forsch losgegangen war. Doch die nächsten Kilometer wurden nicht langsamer, km 7 war dann sogar knapp unter 5 min/km. Ich hatte zuerst angenommen das Wiebke auch etwa auf 3:45h anläuft, bei dem Tempo kamen mir erste Zweifel.

Am Bürkliplatz

Am Bürkliplatz

Und dann machte mich Wiebke auf etwas aufmerksam. Konnte das wirklich sein? Hatte da jemand seine Schuhe zu Hause vergessen? Nein, da lief jemand vollen Ernstes barfuss mit! Sorry liebe Vibramfivefingers Läufer, Ihr seid wohl nicht mehr die härtesten im Land! Dani hatte inzwischen auch wieder zu uns aufgeschlossen und setzte sich nach einer kurzen Unterhaltung wieder Richtung 3:30 ab.

Ein Geniestreich war die Idee das Wasser gleich in den PET-Flaschen bereitzustellen, so war das Trinken tatsächlich im Laufschritt möglich ohne auf Kriechtempo

zu verlangsamen.

Nach km 10 hatten wir die erste Schlaufe hinter uns und kamen erneut an Start und Ziel vorbei, jetzt ging es Richtung Meilen aus der Stadt heraus. Bei km 15 war ich mir dann sicher das Wiebke heute wohl keine Lust hatte 3:45 zu laufen. Da ich jetzt schon deutlich schneller als die anfänglich geplanten 5:20 min/km war hatte ich ernsthafte Bedenken ob die Batterie nicht schon nach dem Halbmarathon leer sein würde und beschloss das Tempo ein wenig zu mässigen. Wiebke lief weiterhin wie von einem anderen Stern unbeirrt und leichtfüssig weiter. Dem hatte ein alter Sack wie Ich nichts entgegenzusetzen.

Roger am Ende (nicht nur vom Lauf)

Roger am Ende (nicht nur vom Lauf)

Bei km 17 musste ich dann einen ersten Schadensbericht registrieren. Mein linkes Knie meldete sich deutlich zu Wort und mein rechter Fussballen kündigte mir an dass die Schuhe wohl doch noch nicht so gut eingelaufen waren wie ich gedacht hatte.
Läuferisch lief es aber trotzdem erfreulich gut und der Halbmarathon war nach knapp unter 1:49h erledigt. Das Warmlaufen war beendet, jetzt würde die Arbeit kommen.

Irgendwo Richtung Meilen kam dann der D-Zug unter Führung von Tadesse Abraham wieder entgegen. Dieses Tempo war einfach unvorstellbar. Wenigstens konnte ich mich hin und wieder daran erfreuen wieder ein paar Teamrunners zu überholen.

Der Wendepunkt bei km 25 in Meilen war schon ein kleine Erleichterung, das Tempo war immer noch ziemlich konstant obwohl ich die Oberschenkel schon leicht spürte. Ich hoffte bis km 30 einigermassen halten zu können und dann auf den letzten 12 km nicht zu heftig über dem Schnitt zu liegen um noch die 3:45 zu schaffen.

Nach km 30 begann dann langsam wirklich die Arbeit, die Beine begannen mehr zu Schmerzen, die Knie flehten um Gnade, wenigstens wurde die Blase nicht noch schmerzhafter. Auf der positiven Seite zeigte sich mein Puls heute konstant und niedrig, da hatte ich noch Reserven. Auch mein Energiegel von Aktiv3 hielt sein Versprechen und machte keinerlei Verdauungsprobleme.

Der alte Sack im Ziel mit der Jungmnnschaft

Der alte Sack im Ziel mit der Jungmnnschaft

An der Verpflegungsstelle nach km 33 wurde ich dann doch ein bisschen übermütig und ich kippte einen Becher kohlensäurehaltige Cola runter. An der ca. 100m weiter liegenden Lache konnte ich ablesen das wohl schon jemand anders negative Erfahrungen gemacht hatte. Glücklicherweise musste ich dann aber doch keine Negativwerbung für Coca Cola in Form einer unwillkürlichen Magenentleerung machen.

Nach km 35 wurde es dann langsam richtig bitter und mein Nacken war langsam  steif wie ein Stock. Das Tempo war aber immer noch praktisch immer unter dem angepeilten Schnitt. Zwischen km 39 und 41 hatte ich die Nase dann aber gestrichen voll von den Schmerzen in den Beinen, Knien und Nacken und mein Schnitt ging bei km 41 bis auf 5:29 min/km hoch. Auf dem letzten km hatte ich mich dann wieder gefangen und ich lief  diesen in 4:55 min/km. Die letzten 195 m waren angebrochen und ich sah die Zieluhr kurz vor mir auf  3:40:29 (seit Startschuss) stehen und ich gab nochmals alles um vor der vollen Minute im Ziel zu sein.

Offiziell resultierte dann 3:39:54. Ich hatte schon gezweifelt überhaupt in die Nähe von 3:45 zu kommen, das war ein fantastisches Rennen für mich! Wiebke war wie ein Uhrwerk gelaufen und hatte dem alten Sack 3 min abgeknöpft, mit  3:36:54 konnte auch Sie eine neue PB verbuchen! Herzlichen Dank dass Du mich beim Training so unterstützt hast, alleine wäre das wesentlich mühsamer geworden.
Bei Dani ist es dieses Jahr wohl leider nicht ideal gelaufen, ich hoffe er wird von seiner Erfahrung noch separat berichten.
Und der Barfussläufer hat es übrigens auch in einer sehr guten Zeit ins Ziel geschafft.

Einziger Wermutstropfen sind am Dienstag meine Knie welche sich nicht wirklich gut anfühlen und  dass an meinem rechten Fussballen wo einst Haut war rohes Fleisch in der Grösse eines Fünflibers prangt. Zum Glück habe ich den Regenerationslauf gestern gemacht, morgen bin ich froh wenn ich von der Tiefgarage bis ins Büro humpeln kann…